EinSichten

zum Umgang mit Verschlossenem

Matrix einer spatialen Hermeneutik. Kulturwissenschaftliche Anmerkungen zu einer Versuchsanordnung [1], 2008/2009

Marcus Held

Jahrgang 1977
Philosoph u. Theologe
Links:     http://www.theologie.uni-oldenburg.de/41608.html
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Birte Kleine-Benne

Jahrgang 1970
Kunstwissenschaftlerin
Links:
            • http://bkb.eyes2k.net
            • http://kunstalshandlungsfeld.net
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Vorbemerkungen

Die hier vorgestellte Arbeit fühlt sich einer kulturwissenschaftlichen Beschäftigung verpflichtet, die nach den Ausdrucksdimensionen von Handlungen und Handlungsereignissen fragt. Wie sich im Rahmen der "Installation von Systemtheorie im Raum" vom 6.6. bis 8.6.2009 in Zurow/Mecklenburg [2] gezeigt hat, werden durch das Installieren und Inszenieren von Grenzen sowie dem damit einhergehenden Bilden von Räumen soziale Systeme formiert bzw. geschaffen, formatiert und mit ihnen Handlungsereignisse initiiert [3].

Durch die vorangehende rekonstruierte Protokollierung [4] und die sich hieran anschließenden Bemerkungen soll verdeutlicht werden, wie sich die Herstellung kultureller Bedeutungen und Erfahrungen mit und durch eine soziale Inszenierungskultur auswirkt. Dabei wählen wir bewusst nicht den Zugang über die Performativität, da nach unserem Dafürhalten noch immer ein zu starker Augenmerk auf die illokutionären Akte gelegt und damit eine handlungstheoretische Grundprämisse mitgeführt wird. Wir versuchen, deutlich zu machen, dass vielmehr von einem ereignisontologischen Befund auszugehen ist. Mittels eines Protokolls und unserer Notizen hat sich gezeigt, erstens dass und zweitens wie Ereignisse, Praktiken, materielle Verkörperungen und mediale Ausgestaltungen mit Grenzen, Räumen und Systemen interagieren. Wie im zeitlichen Verlauf unserer Versuchsanordnung und im protokollierenden Nachgang deutlich wurde, konnten wir Hervorbringungs- wie auch Veränderungsmomente des Sozialen im Umgang mit Verschlossenem beobachten, die wir nun anschließend im Sinne einer analytischen Begriffsgewinnung in eine Matrix überführen wollen. Durch die installative Materialisierung von Grenzen, Räumen und Systemen vor Ort ist es uns gelungen, den Zusammenhang der Materialisierung und der sich daran orientierenden Praktiken und Dynamiken a) zu beobachten, b) unsere Beobachtungen zu theoretisieren und folgend c) allgemeine Strategien und Verfahrensweisen des Umgangs mit Verschlossenem und zwar als eine Frage des marked/unmarked Space ausformulieren zu können.

Zunächst wollen wir die zu leistende Arbeit mit dem Instrumentarium der Systemtheorie beginnen. Nach unserem Dafürhalten gilt es zunächst, den Zusammenhang von Strukturen und Funktionen von Grenzen, Räumen und Systemen zu beobachten und zu verstehen. Wir haben während unserer Versuchsdurchführung Emergenz (Irreduzibilität, Unvorhersagbarkeit, Kontextbedingungen) feststellen können, die hier im Umgang mit Verschlossenem reflektiert und insbesondere hinsichtlich der Formulierung des Öffnungsphänomens von Verschlossenem ausgewertet werden kann. Dadurch wird gleichzeitig auch gezeigt werden können, dass die Systemtheorie durchaus dazu geeignet ist, sich am spatial turn zu beteiligen und räumliche Begriffe und Kategorien nicht zwingend ausklammern zu müssen. Diese methodologische Entscheidung, der wir bereits in/mit dem Protokoll nachgekommen sind, war unseres Erachtens erforderlich, um die entstandenen Dynamiken im Sinne einer Leitunterscheidung von Organisation und Struktur beschreiben zu können. [5] Jene Leitunterscheidung ergab sich aus der Beobachtung des Gegenstandes und den formativen Prozessen, nimmt Aspekte der kommunikationstheoretischen Formulierung auf und zeichnet sich überdies in ein evolutionstheoretisches Rahmenkonzept ein. Durch eine erste Annäherung, die über eine systemtheoretische Beschreibung geleistet wird, ist es nach unserem Verständnis möglich, allgemeine Strukturen und Strategien sozialer Systeme im Umgang mit Verschlossenem herauszuarbeiten. Diejenigen Erkenntnisse, die mit der Beobachtung der Versuchsanordnung gewonnen wurden, sollen hier aber nur skizzenhaft zusammengefügt und angedeutet werden. Wir müssen an dieser Stelle auf unsere weiteren Forschungen verweisen, wenn die von uns entwickelte Matrix einer spatialen Hermeneutik auf Valenzen für andere verschlossene, soziale Systeme geprüft wird. Die Anschlussfähigkeiten insbesondere für die Debatten gesellschaftspolitischer Fragestellungen sind eindrucksvoll und von uns künftig zu leisten.

Um zunächst noch die phänomenologische Referenz unseres Unternehmens zu verdeutlichen, wollen wir zu den Dingen selbst zurückkehren und in den Fokus unserer Beobachtungen stellen. Zurück zu den Dingen heißt zunächst einmal, ausgehend von einem Artefakt (hier: einem verschlossenen Bunker) und dem Umgang mit diesem Artefakt ganz in kunsthistorischer Manier im Umgang mit dem konkreten Gegenstand Bezüge zu Prozessen und Prozessualisierungen sozialer Systeme herzustellen. Eine wichtiger Nebenaspekt unserer Arbeit stellt zugleich auch eine streitbare These auf: Wir behaupten, dass es uns gelungen ist, eine Schnittstelle zwischen künstlerischer Produktion und gesellschaftstheoretischer Beschreibung erarbeitet zu haben. Es kann gezeigt werden, wie eine künstlerische Produktion gesellschaftstheoretisch relevante Prozesse modellieren und aufnehmen, einer Beobachtung zugänglich und im Folgenden beschreibbar machen kann.
Zurück zu Dingen heißt aber auch, nach den Konstitutionsbedingungen der beobachteten Prozesse zu fragen und diese zu beschreiben. Die mit dem phänomenologischen Diktum verbundene Reduktion eröffnet das Feld für die Beschreibung der Konstitutionsbedingungen in Form von Ereignissen, Praktiken und materiellen Verkörperungen, die zu den beobachteten Prozessen geführt haben. Im Sinne der systemtheoretischen Beschreibung bewegen wir uns damit auf der Ebene der Beobachter zweiter Ordnung. "Von Beobachtung zweiter Ordnung wird man nur dann sprechen können, wenn zwei Beobachtungen sich so aneinander koppeln, dass beide die Merkmale einer Beobachtung erster Ordnung voll realisieren, aber der Beobachter zweiter Ordnung sich bei der Bezeichnung seines Gegenstandes auf einen Beobachter erster Ordnung bezieht, also ein Beobachten als Beobachten unterscheidet und bezeichnet. (...) Wir sagen also: ein Beobachten zweiter Ordnung liegt immer dann vor, wenn auf Unterscheidungsgebrauch geachtet wird; oder noch pointierter: wenn das eigene Unterscheiden und Bezeichnen auf ein weiteres Unterscheiden und Bezeichnen bezogen wird" (Luhmann 1997, 101). Die Beobachtung zweiter Ordnung macht damit sichtbar, dass die Beobachtung erster Ordnung nur deshalb sichtbar macht, was sie sichtbar macht, weil ihr eine bestimmte Unterscheidung zugrunde liegt. Das Beobachten erster Ordnung "ist das Bezeichnen – im unerlässlichen Unterschied von allem, was nicht bezeichnet wird. (...) Der Blick bleibt an der Sache haften" (Luhmann 1997, 102) und operiert somit nur auf der Ebene des Faktischen.

Wie wir deutlich machen wollen, stellt sich dabei ein Beziehungsgeflecht von (1) Beobachtung, (2) Beobachtendem und (3) Beobachtetem ein. Dieses Beziehungsgeflecht ist gekennzeichnet von der Spannung des gleichzeitig sowohl Trennenden als auch Verbindenden. Oder es stellt – im systemtheoretischen Vokabular formuliert – eine Differenz dar, die emergiert und einen Zugriff auf Beobachtung, Beobachtendem und Beobachtetem ermöglicht. Durch eine Zuspitzung auf eine kommunikationstheoretische Reformulierung zeigt sich zugleich, wie durch Verbindendem und Trennendem sich Struktur und Ordnung zueinander verhalten. Wir fassen, so eine unserer wesentlichen Thesen in der Ausführung einer Matrix einer spatialen Hermeneutik, diese Dynamisierung, Verflüssigung und Prozessierung von Verbindendem und Trennendem als relationale Positionalität auf. [6]

Im Folgenden wollen wir eine bei Spencer Brown grundgelegte und in der Systemtheorie Niklas Luhmanns aufgenommene theoretische Figur weiter führen bzw. weiter schreiben. Es handelt sich um die Figur des sog. unmarked Space, die sich bei Spencer Brown und Luhmann (hier als re-entry) findet, um das Beobachtungsdilemma des bei jeder Beobachtung ausgesparten Raumes des Nicht-Beobachteten zu umschreiben und die sich uns im Verlauf unserer Versuchsanordnung als mögliche Beschreibungskategorie nahelegte. Wir nun verstehen den unmarked Space als eine topologische Figur, die neben der erkenntnistheoretischen auch eine kommunikationstheoretische und eben eine raumtheoretische Dimension mitführt. Dabei erscheint es uns wichtig festzuhalten, dass der Figur des unmarked Space als Ausdruck einer relationalen Positionalität ein marked Space beigeordnet werden muss. Die drei (erkenntnis-, kommunikations- und raumtheoretischen) Dimensionen der einen Figur des unmarked/marked Space sind dabei eng miteinander verbunden.
Die Verwendung der Differenz von marked/unmarked Space ermöglicht uns, erstens eine Dynamisierung zu beschreiben und die bisherige Innen-Außen-Differenz womöglich zu überwinden. Durch die Umstellung auf marked/unmarked Space wird es uns zweitens möglich, Relationen zwischen Raum und Handlungen zu beobachten und drittens nicht nur materielle, sondern auch virtuelle Räume einzubeziehen. Auf diese drei Aspekte wollen wir im Folgenden eingehen. Die Differenz von marked/unmarked Space weist somit einen kommunikationstheoretischen wie auch einen semiotisch-hermeneutischen Anschluss auf, wie wir schon zu Beginn unserer Ausführungen andeuteten. Die Beobachtungsoption explizit virtueller Räume ist angesichts aktueller paradigmatischer Entwicklungen zur sog. Computergesellschaft von höchster Wichtigkeit und füllt klaffende Forschungslücken.


Über Grenzen, Räume und Systeme – Kulturwissenschaftliche und systemtheoretische Erkundungen

Nach der Systemtheorie ist Raum ein Medium. Die Elemente des Mediums sind Stellen bzw. Stellendifferenzen. Stellen sind identifizierbar über ihre Besetzung mit Objekten; in das Medium des Raums eingezeichnete Formen sind erkennbar an der Besetzung von Stellen mit Objekten bzw. an Objektdifferenzen. Ein besetzter Raum erzeugt seine räumliche Umwelt und die so entstandene Raum-Umwelt-Differenz ist dasjenige, was der Unterscheidung von Raum vorausgesetzt ist, demnach was der System-Umwelt-Differenz entspricht. Raum ist zugleich eine Sinndimension.
Der Anspruch Luhmanns, es sei "die Systemtheorie als Grundlage der Gesellschaft so zu formulieren, dass sie in der Bestimmung der Gesellschaftsgrenzen nicht auf Raum und Zeit angewiesen ist" sowie seine Annahme, dass "die Verringerung der Bedeutung von Raum für die Kommunikationen der Funktionssysteme" (Luhmann 1997, 30, FN 24) eintritt, kann unserer Ansicht nach so nicht aufrecht erhalten werden. Wir fragen vielmehr, ob die soziale Funktion des Raums nicht eher in seiner Rolle der Grenzbildung sozialer Systeme aufgeht. Durch diese Umstellung der Perspektive können wir deutlich machen, wie es zu Versuchen der Kontrolle von Raum durch soziale Systeme kommt. Dies geschieht nach unserem Dafürhalten in der Dynamik des Verbindens und Trennens von Raum und Stellen wie auch auf kommunikations- und handlungstheoretischer Ebene, da hier marked/unmarked Spaces in allen Dimensionen entstehen. Dabei spielt unserer Meinung nach die beobachtungsleitenden Unterscheidungen von Innen und Außen, nach unseren vorherigen Ausführungen besser als unmarked-marked/marked-unmarked Space bezeichnet, einen maßgeblichen Faktor der Beschreibung selbst, da sie kommunikative Prozesse bei der Öffnung und Schließung von Systemen beeinflussen. Dabei kommen nach unserer Beobachtung die topologische, die kommunikative und die handlungstheoretische Ebene der relationalen Positionalität eine besondere Rolle zu. Offenbar, so unsere Annahme, spielen Grenzen und Barrieren bei der Beschreibung von (Offenheit und Geschlossenheit von) Räumen eine bedeutsame Rolle und könnten demnach als eine Strategie für die Kontrolle von Räumen durch Sozialsysteme aufgefasst werden.

Kontrolle meint in diesem Zusammenhang die strukturellen Effekte der operativen Vollzüge eines Systems, die sich nach der Systemtheorie einzig durch Kommunikation regeln. In diesem Zusammenhang soll auf Talcott Parsons hingewiesen werden, der zeigt, dass Kommunikation und Raum in einem wechselseitigen, einander bedingenden Verhältnis zueinander stehen – wenngleich Parsons Kommunikation als das Elementarereignis honoriert, welches das soziale System prägt, und über die die Kontrolle von Information läuft. Nach Parsons gilt für alle Sozialsysteme, dass sie entweder primär in ihrer informationellen Bedeutung zu lesen sind, was heißt, dass von ihnen eine kontrollierende Wirkung auf energie- und materiereiche Systeme ausgeht. Oder aber sie haben einen energetisch-materiellen Schwerpunkt und wirken dann als Konditionen bzw. als sog. constraints im Blick auf das, was in einem informationell bestimmten System realisiert werden kann (Parsons 1978, 374-380). Raum stellt sich damit als eindeutig abhängig von kommunikations- und informationsabhängigen Momenten der Kontrolle eines sozialen Systems dar. Folgen wir dieser Spur und ziehen aber andere Schlussfolgerungen, so plädieren wir für eine ungewichtete Aufstellung der Differenz von Raum und Kommunikation und zwar in Form einer relationalen Positionalität, die darin besteht, ihre Dynamisierung und Prozessualisierung ernst zu nehmen, zu beobachten und Erkenntnisgewinne hinsichtlich unseres Forschungsthemas zu generieren. Wir denken damit, wie bereits beschrieben, erstens Raum neben zweitens Kommunikation und behaupten als weitere Position daneben drittens Handlung, die über eine Vermittlungsstelle zu spezifischen Konfigurationen mit resultierenden Emergenzen wie z.B. spezifischen Problemkonstellationen geführt werden.

Während meist auf die soziale Konstituierung des Räumlichen (etwa bei Lefebvre oder Bourdieu) abgestellt wird, kehren wir die Perspektive um und fragen nach der Rolle der räumlichen Komponente für die Herstellung sozialer Beziehungen und sozialen Handelns. Wir nehmen damit am sog. spatial turn teil. Dieser richtet sich seit Ende der 1980er Jahre auf Praktiken der Raumerschließung und –beherrschung als zu untersuchende kulturelle Größen. Unsere Methode ist dabei zugleich mit dem Anspruch verbunden, nach den Repräsentationsformen und –techniken zu fragen. Hierfür nutzen wird ein Mittel des topographical turn (ein dritter turn ist übrigens der topological turn), das in einem Mapping der Ereignishorizonte besteht. Unsere Maps sind allgemein (metaphorisierte) Ordnungsmuster, die einem Modell der Struktur und Organisation von Wissen sowie der Analyse dienen. Wir versuchen damit, eine kulturwissenschaftliche Perspektive mit einem systemtheoretischen Ansatz zu verbinden, um das epistemologische Potenzial der Raumfrage für soziale Prozesse fruchtbar zu machen. Wir stellen uns damit in die Tradition Edward Sojas Forderung nach einer "spatialen Hermeneutik" (Soja 1989, 1f.). Durch das Verstehen der Funktionsweisen im Umgang mit verschlossenen Räumen versuchen wir allgemeine epistemologische Organisationsmuster zu gewinnen. Nach unserem Dafürhalten und im Einklang mit den vorgetragenen systemtheoretischen Überlegungen besteht ein enger Zusammenhang zwischen Raum und sozialen Systemen.

Mit unserer "Installation von Systemtheorie im Raum" wollten wir der These nachgehen, ob der Raum ein konstitutives Moment des Modells des Sozialen sein kann bzw. ist. Raum und Soziales, so war unsere Annahme, weisen strukturanaloge Verhältnisbestimmungen auf. Wie schon angedeutet sind wir zugleich der Überzeugung, dass die Strukturanalogie sich nicht nur auf eine Phänomenbeschreibung erstreckt, sondern auf eine gegenseitige Durchdringung und Bedingtheit hinweist. Dabei spielen die von uns schon angesprochenen Dimensionen (topologisch, kommunikativ, handlungsorientiert) in ihrer jeweiligen Konstellation von Ferne und Nähe eine entscheidende Rolle. Uns stellt sich nun die Frage, ob die soziologisch-systemtheoretische Tradition den Zusammenhang von Strukturen und Formen als eine Frage nach Medien und Organisation der Gesellschaft in Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Umwelt überhaupt zu beschreiben in der Lage ist. Zugespitzt könnte gefragt werden, ob die Systemtheorie die gesellschaftliche und gesellschaftsbildende Relevanz von Kunst für die Gesellschaft der Gesellschaft überhaupt schon erkannt hat und Kunst als Feld der Beschreibung, Formatierung und Modellierung von Ausdifferenzierungen anzuerkennen in der Lage ist. Wir fragen daher, ob anhand der von uns erstellten Modellbildung und der sich daran anschließenden Modelleigenschaften ein Formmodell der Gesellschaft abgeleitet werden kann?

Die zu zeigende Strukturanalogie des Modells des Raumes zum Sozialen und deren wechselseitige Abhängigkeit führt uns zu der Auffassung, dass wir durch eine Hermeneutik des Raumes Strukturen und Formen finden können, die über Beschreibungs- und Ausdruckskraft für soziale Prozesse bzw. Systeme verfügen. Unsere Überlegungen zeigen, dass es sich hierbei um eine Theorie des Geschehens, des Prozesses und der Operativität handelt und nur in der Abfolge und Verkettung der einzelnen Operationen eine Form gewonnen ist, die sich nachzeichnen und als räumliches System beschreiben lässt: "Das System ist eine Operation, der es gelingt, an eine von ihr zur vorherigen Operation gemachte Operation so anzuschließen, dass weitere Operationen möglich werden" (Baecker 2002, 36), die aber nachweislich um die räumliche Erstreckung erweitert werden muss. Für uns bestehen soziale Systeme aufgrund der Überlegungen zum Zusammenhang von Raum und Sozialem aus faktischen Handlungen verschiedener Personen, Orte, Stellen und räumlichen Richtungen, die durch ihren Sinn aufeinander bezogen und durch diesen Sinnzusammenhang abgrenzbar sind gegenüber einer Umwelt, die nicht zum System gehört. "Soziale Systeme sind also empirisch aufweisbare Handlungszusammenhänge, nicht nur Muster, Typen, Normenkomplexe (...)" (Luhmann 1970, 28).

Nichtsdestotrotz wollen wir dem Hinweis Luhmanns folgen, dass der Grenzbegriff besagt, grenzüberschreitende Prozesse seien beim Überschreiten der Grenze unter andere Bedingungen der Fortsetzung gestellt. "Dies bedeutet zugleich, dass die Kontingenzen des Prozessverlaufes, die Offenheiten für andere Möglichkeiten, variieren, je nachdem, ob er für das System im System oder in seiner Umwelt abläuft" (Luhmann 1984, 36). Wir wollen anhand unserer Beobachtungen im Zuge unserer Installation die hier miteinander verschränkten Beschreibungen der grenzüberschreitenden Prozesse auf der einen Seite und die Unterscheidung von Innen und Außen auf der anderen Seite einer kritischen Revision unterziehen und zu einer Reformulierung der Systemtheorie im Raum nutzen.


Marked/Unmarked Space

Unsere Überlegungen legen nahe, dass sich durch die Figuration der Grenzen und die sich hieran anschließenden Veränderungen von Raum und Raumwahrnehmung auch die sozialen Systeme und deren Handlungsräume verändern. Während die Systemtheorie von der grundlegenden System-Umwelt-Differenz ausgeht, schlagen wir eine Umstellung auf marked/unmarked Space vor, und zwar aus den folgenden drei Gründen:

1. Die in der System-Umwelt-Differenz mitschwingende Dialektik von Innen und Außen soll überwunden und darauf hingewiesen werden, dass durch die Einführung eines Ereignishorizontes im Sinne eines Grenzbegriffes eine andere Distinktion, die zugleich das Verbindende und das Trennende zum Ausdruck bringt, gefunden werden muss. Hier setzt unser Vorschlag der Rede von marked/unmarked Space an. Durch eine Umstellung auf marked/unmarked Space wird deutlich, dass sich geschlossene Systeme durch einen marked-unmarked Space auszeichnen. Marked und unmarked Space sind dabei unwiderruflich miteinander verbunden und ebenso unwiderruflich voneinander getrennt. Geschlossene Systeme weisen eine deutliche Grenzziehung auf, die das "Innen" von Außen her betrachtet als einen unmarked Space ohne Raum, ohne Kommunikation und ohne Handlung ausweist. Über die innere Struktur des geschlossenen Systems kann keine Aussage gemacht, höchstens spekuliert werden. Mittels der Außenperspektive wird deutlich, dass ein möglicher Handlungsraum von Außen, der auf ein geschlossenes System wirkt, nur durch ein Annähern beschrieben und abgeschritten werden kann. Letztlich kann in das geschlossene System nicht ohne Gewalt eingedrungen und das geschlossene System nur mit dem Durchbrechen der Grenze zugänglich gemacht werden. Hiermit aber geht eine gänzlich neue Raumsituation einher. Die Grenzen des ehemals Geschlossenen verschieben sich und der ehemals marked-unmarked Space wird zu einem marked/unmarked Space. In der klassisch systemtheoretischen Sprache hieße dies, dass es zu einer massiven Kontingenzsteigerung gekommen ist. Das geschlossene System erfährt durch die Öffnung einen massiven Einfall von Möglichkeiten, der durch die Aufhebung des marked-unmarked Space geschieht. Es konstituieren sich neue Räume und Grenzen, da die ehemalige Umwelt in das ehemals geschlossene System drängt und es zwingt, die Innen-Außen-Differenz aufzugeben. Der marked-unmarke Space wird zu einem marked Space, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er zunächst eine Entgrenzung erfuhr, aber gleichzeitig sich eine Strukturierung ereignete, die den Raum und dessen Grenzen veränderten und den unmarked Space zu einem Ort machten. Während die System-Umwelt-Differenz wie auch die Beschreibung von Systemen als Innen-Außen-Differenz nach Bachelard eine Zerstückelungsdialektik darstellen (Bachelard 1987), setzt die von uns vorgeschlagene Differenz von marked/unmarked Space auf eine Kombinationsperspektive der Dynamisierung und Prozessierung sowohl in Bezug auf die schon beschriebenen Dimensionen (Topologie, Kommunikation und Handlung) als auch auf den Aspekt von Verbindendem und Trennendem, die sowohl eine systemtheoretische als auch eine netzwerktheoretische Reformulierung möglich macht.

2. Durch die Umstellung auf marked/unmarked Space wird das Verständnis dessen, wie soziale Systeme durch Räume und das Schaffen von Räumen Kontrolle ausüben, geschärft. Dabei bietet sich ein nicht genuin systemtheoretisches Vokabular an, welches erfolgreich schon durch Bourdieus Soziologie der symbolischen Formen etabliert ist. Wie Bourdieu zeigt, muss von einem Zusammenhang zwischen Struktur und Praxis ausgegangen werden, wobei der Zusammenhang nicht in der Dynamik von Struktur und Organisation aufgeht. Wie unser Versuchsprotokoll belegt, fanden wir Strukturen vor, die auf verschiedenen, nämlich topographischen und materiell sich niederschlagenden Ebenen handlungsleitend waren. Durch diese vorgefundenen Strukturen geleitet markierten wir zunächst Räume durch Grenzziehungen und erzeugten damit verschiedene marked und unmarked Spaces, die sich im Verlauf der Arbeiten am Eingang des Bunkers veränderten. Eine massive Änderung in Struktur und Praxis trat ein, als das geschlossene System des Bunkers als zunächst marked-unmarked Space zu einem marked Space transferierte (diese Änderung fand im Übrigen nicht durch die Öffnung, sondern durch das Betreten, also den räumlichen, also handlungsaktiven Akt der Inbesitznahme statt). Hatten wir vormals in unserer Modellbildung zunächst zwei marked-unmarked Spaces geschaffen und damit die ehemalige Bunkerstruktur simuliert, so trat mit der Öffnung eine neue Struktur und Praxis auf, die sich auf den verschiedensten Ebenen niederschlug: Es kam zu deutlichen Umstellungen auf der Handlungsebene der Beteiligten, in der Praxis im Umgang mit dem Raum und den Grenzen. Hier liegt ein Ansatzpunkt für eine Dynamik der spatialen Hermeneutik und Poetik begründet.

3. Die Umstellung auf marked/unmarked Space kann auf virtuelle Systeme übertragen werden, da hier die System-Umwelt-Abgrenzung grundsätzlich schwer fällt. Wir argumentieren für eine Dynamisierung, die mit einer kombinationstheoretischen Option von akteur-netzwerktheoretischer Betonung des Verbindenden bzw. von einem relationierenden Charakter ausgeht, ohne dabei die systemtheoretische Notwendigkeit der Unterscheidung zu vergessen. Hatte die Systemtheorie als Kommunikationstheorie das Trennende betont und setzte so auf das Filtern und Referenzieren als Differenzkriterium, wird in einer kombinationstheoretischen Erweiterung eine netzwerktheoretische Umstellung zu verdeutlichen sein, dass Prozesse des Öffnens und Schließens als Ergebnis von Relationierungen zu begreifen sind. Dabei kommt es, wie schon angedeutet, auf die Einbindung des Referenten an, ebenso auf die Suche und Beschreibung von Grenzen und Räumen, die je nachdem die Handlungsmöglichkeiten leiten. Wie deutlich wird, gehen wir dabei von einer Kombination von System- und Netzwerktheorie mit einer praxistheoretischen Reformulierung aus.


Marked/Unmarked Space als Matrix im Umgang mit Verschlossenem

Werden diese Überlegungen für den Umgang mit Verschlossenem dienstbar gemacht, so wird deutlich, dass zunächst der marked/unmarked Space als Ereignishorizont von Kommunikation/Nicht-Kommunikation strukturiert ist:
Die Grenze des marked-unmarked Space stellt eine Trennung der Kommunikation dar. Über die Struktur des marked Space kann wie auch über den marked-unmarked Space des Verschlossenen kommuniziert werden. Zwar kann über das Verschlossene kommuniziert werden, aber es kann weder mit dem Verschlossenen kommuniziert werden, noch etwas über die Binnenstruktur des Verschlossenen gesagt werden, außer über seine Erscheinungsweise nach Außen. Wir gehen davon aus, dass sich allein schon das Vorhandensein des Verschlossenen auf das "Außen" auswirkt, indem durch die Kommunikation über das Verschlossene Übersetzungen, Transformationen und Einbindungen geleistet werden. Dadurch bilden sich kommunikative Netzwerke über das Verschlossene – das Verschlossene ist damit durchaus formbildend wirksam –, nicht jedoch mit dem Verschlossenen. Nach unserem Dafürhalten kann für das Verschlossene weder Raum, noch Handlung, noch Kommunikation veranschlagt werden.

Wird ein geschlossenes System von Außen her geöffnet, so kommt es zu einer Verschiebung von Grenzen und Räumen, die eine Neuausrichtung auf den Ebenen von Netzwerk, System und Praxis erforderlich macht. Das heißt, dass es vorab zu einer Oszillation zwischen Schließen und Öffnen, Trennen und Verbinden auf der Netzwerk-, System- und Praxisebene gekommen ist. Die Umwelt drängt unvermittelt in das System ein. Der ehemalige marked-unmarked Space muss auf die neu entstehenden Netzwerke, Systeme und Praxen reagieren – mit der Folge seiner Destabilisierung. Der neu entstehende Raum kann und wird durch das Zusammenspiel von Netzwerk, System und Praktiken stabilisiert und mit neuen Grenzen und Räumen durch eine Neukonstellation von Netzwerk, System und Praxis als ein marked Space etabliert. Erst durch diesen Schritt kann eine Identifikation der stabilisierten Zurechnungseinheiten in Form von Raum, Grenzen und Strukturen möglich werden, die dann als Identität bezeichnet wird.

Im Fall des Bunkers heißt dies, dass das System des Bunkers von Außen durchbrochen wurde und die Umwelt als Raum des Übergangs notwendig zu einer Neukonstellation führte, da sich Netzwerk, System und Praktiken grundlegend geändert hatten. Öffnet sich allerdings ein geschlossenes System von Innen heraus, so ist davon auszugehen, dass sich dieses System auf ein massives Eindringen der sie umgebenden Umwelt eingestellt hat und so der Grenzübertritt nicht als Verlust der Grenze stattfindet, sondern zwei marked Spaces aufeinander treffen und Prozeduren des Trennen/Verbindens und Öffnen/Schließens auf Netzwerk-, System- und Praxisebene entwickelt werden können. Grenzen, Räume und Strukturen können sich zwar auch verändern, aber der Prozess der Destabilisierung wird nicht so harsch ausfallen.

Damit haben wir eine Matrix entwickelt, die sich auf den drei beschriebenen Ebenen bewegt, ohne dabei jedoch das Trennende oder Verbindende in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr wird es möglich sein, diese Matrix als Modell einer spatialen Hermeneutik und Poetik der Gesellschaft zu nutzen. Wir wollen uns hier auf einige ausgewählte Hinweise beschränken und verweisen auf noch ausstehende Forschungen. Unser Vorschlag ist, etwa die Untersuchungen von Foucault (Die Geburt der Klinik, Überwachen und Strafen) und Agamben (Homo sacer) im Hinblick auf die Dynamiken und Prozesse des Öffnen/Schließens und Trennen/Verbindens auf Netzwerk, System und Praktiken hin zu untersuchen und ggf. zu reformulieren, um im Anschluss daran die Matrix der spatialen Hermeneutik zu erweitern. Die These der Entwicklung der Biopolitik könnte hiermit einhergehen. Andere Forschungsfelder wären die Analyse von gescheiterten Öffnungen von Verschlossenem (wie sie sich etwa bei Gefangenenbefreiungen und Geiselnahmen ereignen) oder ein neues Verständnis von Krankheit, wie es z.B. Nancy (2000) vorschlägt.


Aussichten und Zusammenfassung

Wir schließen unsere Überlegungen mit einer Auswahl an Thesen, die deutlich machen soll, dass die von uns beobachteten Charakteristika im Umgang mit Verschlossenem einen gesellschaftstheoretischen Beitrag zu leisten in der Lage sind:

- Konstellationen von Räumen, Grenzen und Systemen (visuell, materiell, virtuell) in der Differenz von marked/unmarked Space verweisen auf das Programm einer spatialen Hermeneutik, die unmittelbare gesellschaftliche Relevanz hat.

- Die Differenz von marked/unmarked Space mit ihren netzwerk-, system- und praxistheoretischen Ebenen kann für eine Theorie der Anerkennung (Ricoeur 2006, Honneth 1992, Honneth/Fraser 2003) genutzt werden und erhält dadurch sowohl eine Relevanz für eine anstehende Gesellschaftstheorie als auch für anthropologische Untersuchungen.

- Der Umgang mit Verschlossenem wird zunehmend wichtig, da Grenzen und Räume für die Identität und Stabilisierung von Systemen an Bedeutung gewinnen und die Formen, Dynamiken und Strukturen der Differenz marked/unmarked Space zugunsten des nur noch marked Space entschieden werden (so z.B. in der Idee des Nationalstaates umgesetzt oder der nichtmarkierten Begrenzung von virtuellen Räumen).

- Die Differenz von marked/unmarked Space im Umgang mit Verschlossenem in ihrer Verbindung von Struktur und Organisation mit kommunikationstheoretischer, topologischer und handlungstheoretischer Ebene verweist auf ein Programm relationaler Positionalität.

- Das Programm einer relationalen Positionalität verweist auf den Zusammenhang von Topologie, Kommunikation und Handlung. Topologie, Kommunikation und Handlung bilden wiederum Dimensionen der drei Grundtätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns, wie sie Hannah Arendt beschrieben hat (Arendt 2006).

- Die Differenz von marked/unmarked Space lässt sich in die drei Grundtätigkeiten des Arbeitens, Herstellens und Handelns integrieren und stellt einen Zusammenhang zur Sphäre des Politischen her. Die Räume und Grenzen des Arbeitens, Herstellens und Handelns werden durch die Dimensionen der Topologie, Kommunikation und Handlung hergestellt.

Zusammenfassend ist Folgendes zu einer Matrix spatialer Hermeneutik festzuhalten:

- Durch die Formulierung einer spatialen Hermeneutik der Poetik der Gesellschaft im Zeichen einer relationalen Positionalität wird es möglich, im Horizont von marked-unmarked Space als "Innen" und unmarked-marked Space als "Außen" neue Einsichten bzgl. des Zusammenhangs von Struktur und Organisation, Öffnung und Schließung, Trennendem und Verbindendem zu generieren.

- Durch die Formulierung einer spatialen Hermeneutik im Zeichen einer relationalen Positionalität überwinden wir eine einseitig ausgerichtete Forschung zu Inklusion und Exklusion. Das alte Forschungsparadigma führt zu Paradoxien, da es eine binäre topologische Codierung mitführt sowie Grenzen und Räume nicht in ihrer Dynamisierung und Prozessualisierung beschreiben kann.

- Durch die Formulierung einer spatialen Hermeneutik im Zeichen einer relationalen Positionalität wird deutlich, dass sich Emergenz auf die Systemelemente, die Beziehungen zwischen den Elementen, den so genannten Relationen, und einer Systemgrenze auswirkt. Die Emergenz regt zur Dynamisierung und Prozessierung von Struktur und Organisation an. Im Umgang mit Verschlossenem heißt das allerdings, dass die Öffnung eines geschlossenen Systems – sei es von Innen oder von Außen – sich immer auch auf die Umwelt in seiner Struktur und Organisation auswirkt, wobei grundsätzlich für beide Systeme von einer Irreduzibilität, den Kontextbedingungen und der Unvorhersagbarkeit auszugehen ist.

- Durch die Formulierung einer spatialen Hermeneutik im Zeichen einer relationalen Positionalität wird deutlich, dass sowohl eine kommunikationstheoretische als auch eine evolutionstheoretische Reformulierung von Struktur und Organisation von Topologie, Kommunikation und Handlung geleistet werden muss.





[1] Bei diesem Text handelt es sich um eine theoretische Fortführung der Beobachtungsergebnisse der "Installation von Systemtheorie im Raum" vom 6.6. bis 8.6.2008 in Zurow/Mecklenburg im Rahmen des Projektes "EinSichten eines Bunkers" und deren Protokollierung, vgl. http://EinSichten.GeheimRat.com/Systemtheorie_im_Raum.html
[2] Detaillierte Protokollierung der Versuchsanordnung unter http://EinSichten.GeheimRat.com/Systemtheorie_im_Raum.html
[3] Zu den initiierten Handlungsereignissen in Form von Text, Bild, Bewegtbild, Performance etc. vgl. http://EinSichten.GeheimRat.com
[4] Wir haben dabei die Ebenen von Versuchsaufbau, -durchführung und -beobachtung schon in einen Zusammenhang mit Erklärungen sozialformativer Aspekten gebracht und eventuelle Resultate dokumentiert.
[5] Wir gehen dabei von einer kommunikationstheoretischen Formulierung der Systemtheorie aus, die mit der Betonung einer semiotisch-phänomenologischen Deutungsperspektive angereichert wird.
[6] Zum Programm einer ‚relationalen Positionalität‘ als Kulturtheorie zwischen Praxeologie und Systemtheorie verweisen wir auf ausstehende Forschungsergebnisse.

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